Die zwei Seiten des Mr. DaviesKonzert in Hamburger Musikhalle hinterlässt zwiespältige Gefühlevon Helge ButtkereitFotos: Wolfgang Weßling (Hamburg), Ronny Hopisch (Berlin)
Ray Davies wieder in Deutschland. Acht lange Jahre hatte es gedauert, bis der Ex-Kinks-Boss wieder ein Konzert in Hamburg spielen sollte und sein Auftritt in der Musikhalle war gegenüber der Storyteller-Show im April 1998 etwas ganz anderes. Spielte er damals noch nur mit einem Begleitgitarristen, lebte die Show von der Vergangenheit, den Erzählungen und der Magie der frühen Kinks, ging es jetzt härter zu. Völlig unpassend dafür die Verbannung des Publikums auf die gut gepolsterten Sitze im ehrwürdigen Ambiente der Laisezhalle. Bei Davies' neuer Band will der Fan eigentlich tanzen, mitgehen, sich bewegen. Das aber will Davies nicht. Er hat offenbar Angst davor, dass das Publikum bei den ruhigeren Songs die Atmosphäre stört. Im Sitzen halten sie ein. Zumindest das geht auf.
"Go away, old songs!" Bis "Dead End Street" gab es auch Neues. "All She Wrote" und "After The Fall", zwei schöne Titel des neuen Albums. Musikalisch ausgefeilt, nett gespielt und mit einer lustigen Idee: Mark Johns aus Sydney darf den Vers "big Australian bar maid" singen -- nach drei Jahren ohne Backgroundgesang hat Davies die Mikrofone frei gegeben. Für Johns, Frick und Freundin Karin Forsman. Später. Bis dahin zunächst "Oklahoma USA" mit Akkordeon und interessanter Gitarrentechnik bei Johns. Klänge wirklich gut, wenn es nicht so mies ausgesteuert gewesen wäre. Dann "Village Green" und "Sunny Afternoon". Er müsse beweisen, dass er wirklich er ist. Nun ja. Er ist es. Mitgröhlen erwünscht. Zumindest von einer Seite des Ray Davies'.
Um sich in seine andere Hälfte zu verwandeln, um zu einen respektablen Künstler zu werden, muss sich Davies räumlich verändern. Stehend geht das nicht und so sitzt er zu "Next Door Neighbour" (wieder mit Akkordeon), "Creatures Of Little Faith" (endlich ist Frick am Keyboard auch zu hören: Es passt perfekt) und "Over My Head". Beim letztgenannten Stück kommt Forsman auf die Bühne, singt, ist aber nicht zu hören. Zumindest fast nicht. Bei "The Tourist" erhebt sich Davies wieder. Er muss den Song retten. In London vergangenes Jahr klang er zwar nicht schlecht, aber das Oldie-Publikum hatte offensichtliche Probleme mit den Soundexperimenten. So spielt Davies die Titelfigur des Songs nach. Ähnlich wird er später auch den "Stand Up Comic" verkörpern. Anders als bei diesem Titel wirkt die Schauspielerei beim vertrackten, kritischen "The Tourist" fehl am Platze. Genau so fehl am Platze wie die nächste Mitgröhl-Hymne: "Till The End Of The Day". "Go away, old songs!". Pause.
Dass es mit den neuen Titeln gut klappt, dass alte Titel und auch oft gespielte wie "20th Century Man" gut funktionieren, hat Davies bewiesen. Nicht nur mit der Textanpassung "21st Century Man" war dieser Song aktuell. Vielleicht sogar aktueller als einiges von "Other People's Lives". Den Titelsong des neuen Albums gibt es in Hamburg noch als Livepremiere mit Band. Zuvor hatte er ihn nur mit Johns akustisch gespielt, jetzt beginnt er den Song alleine, liest von den in riesigen Lettern gedruckten, auf die Monitore geklebten Zetteln den Text ab und versucht sich an der Flamenco-Gitarre der Studio-Version. Das geht nicht gut. Anders das später sich entfaltende Arrangement. Das geht gut. Auch wenn es noch sehr gedämpft wirkt -- wie übrigens auch einige andere neue Titel an diesem Abend. Die nach kurzer Zeit einsetzende Bandbegleitung passt gut zum Song. Das wirkt dann zwar wie eine bessere Probe, aber irgendwann muss er ja damit anfangen. Zu "The Getaway (Lonesome Train)" kommt dann wieder Forsman auf die Bühne, ist wieder kaum zu hören und darf nicht einmal bleiben. Davies greift sie sich, flüstert ihr was ins Ohr und drückt sie dann raus. Heute kein "A Long Way From Home"! Dieser alte Titel hätte dem Abend vielleicht noch gut getan. Schließlich sangen ihn beide an vielen Abenden zuvor sehr schön melancholisch. Es wirkte dann fast wie eine verblassende Erinnerung. Vielleicht geht es Davies mit seiner Zeit bei den Kinks ähnlich. Braucht er das laut gröhlende Publikum, das ihm die Zeit mit den Kinks in irgendeiner Form zurück gibt? Vermutlich ist es logisch, dass er die beiden neuen Titel nicht singt, in denen er diese Gedanken selber aufzunehmen scheint: "Runaway from time" und "Is there a life after Breakfast". "Yes there is", Mr. Davies! Das möchte man ihm zurufen. Jeder hier kennt die Geschichte, kennt die Lieder. Alte Songs schön und gut. Nostalgie in dieser brachialen Form ist unnötig. Dafür ist ein Ray Davies ein viel zu guter Musiker. Einer, der keinen Stuhl braucht, um sich zum respektablen Kümstler zu wandeln. "Go away, old songs!" Ihr könnt gerne wieder kommen, aber nicht so wie seit 25 Jahren immer wieder. Ein frisches "You Really Got Me", das wär's doch. In Hamburg gab es zumindest auch kein altes, abgenudeltes. Aus dem zwiespältigen Abend entlässt Davies seine Fans mit "Lola". Vermutlich das wird immer sein müssen. Setlist
Pause Zugabe Links
(Seite aktualisiert: 16.5.2006) |