Die zwei Seiten des Mr. Davies

Konzert in Hamburger Musikhalle hinterlässt zwiespältige Gefühle

von Helge Buttkereit

Fotos: Wolfgang Weßling (Hamburg), Ronny Hopisch (Berlin)

Ray Davies und Band in Berlin

Ray Davies wieder in Deutschland. Acht lange Jahre hatte es gedauert, bis der Ex-Kinks-Boss wieder ein Konzert in Hamburg spielen sollte und sein Auftritt in der Musikhalle war gegenüber der Storyteller-Show im April 1998 etwas ganz anderes. Spielte er damals noch nur mit einem Begleitgitarristen, lebte die Show von der Vergangenheit, den Erzählungen und der Magie der frühen Kinks, ging es jetzt härter zu. Völlig unpassend dafür die Verbannung des Publikums auf die gut gepolsterten Sitze im ehrwürdigen Ambiente der Laisezhalle. Bei Davies' neuer Band will der Fan eigentlich tanzen, mitgehen, sich bewegen. Das aber will Davies nicht. Er hat offenbar Angst davor, dass das Publikum bei den ruhigeren Songs die Atmosphäre stört. Im Sitzen halten sie ein. Zumindest das geht auf.

Ray Davies in Berlin"Go away, old songs!", ruft Davies nach etwa einer halben Stunde. "Go away, 'Sunny Afternoon'. Go away, 'Dead End Street'", nachdem er gerade eine wenig inspirierte, schnelle und wie vor X Jahren klingende Version mit allem Mitklatsch-Pipapo abgelassen hat. "Go away, old songs!" Verständlich. Das will eigentlich kaum noch jemand hören, der Davies als ernsthaften Künstler wahrnimmt und nicht zur Oldie-Parade gekommen ist. Außer "Dead End Street" gab es dies bis dahin auch kaum. Neben dem erwähnten Titel hinterließ nur "Where Have All The Good Times Gone" ein schlechtes Gefühl. Denn aus dem vertrackten Arrangement von vor drei Jahren, mit dem Davies die Mitgröhl-Momente ad absurdum geführt hatte, ist wieder genau das geworden: Eine Mitgröhl-Hymne. Ja wo sind sie geblieben, die guten alten Zeiten? Gut waren sie beispielsweise dann, als Davies "Muswell Hillbillies" schuf. "20th Century Man" mag noch so alt sein, der Song klingt immer noch gut und frisch. Ganz anders als "Where Have All The Good Times Gone" zuvor. Gunnar Frick am Keyboard ist dabei ein Aktivposten. Er bringt die Band näher zusammen -- nicht nur in der Anordnung auf der Bühne. Hier klingen sie wie eine Einheit. Davies scherzt mit Gitarrist Mark Johns und bringt selbst den stoischen Bassisten Dick Nolan zum Lachen. Frick spielt puren Rock'n'Roll. Erhebt sich, wirbelt tief gebückt über die Tasten. So geht das mit den alten Songs. Auch wenn das Keyboard im Mix verschwindet.

"Go away, old songs!" Bis "Dead End Street" gab es auch Neues. "All She Wrote" und "After The Fall", zwei schöne Titel des neuen Albums. Musikalisch ausgefeilt, nett gespielt und mit einer lustigen Idee: Mark Johns aus Sydney darf den Vers "big Australian bar maid" singen -- nach drei Jahren ohne Backgroundgesang hat Davies die Mikrofone frei gegeben. Für Johns, Frick und Freundin Karin Forsman. Später. Bis dahin zunächst "Oklahoma USA" mit Akkordeon und interessanter Gitarrentechnik bei Johns. Klänge wirklich gut, wenn es nicht so mies ausgesteuert gewesen wäre. Dann "Village Green" und "Sunny Afternoon". Er müsse beweisen, dass er wirklich er ist. Nun ja. Er ist es. Mitgröhlen erwünscht. Zumindest von einer Seite des Ray Davies'.

Ray Davies in Hamburg

Um sich in seine andere Hälfte zu verwandeln, um zu einen respektablen Künstler zu werden, muss sich Davies räumlich verändern. Stehend geht das nicht und so sitzt er zu "Next Door Neighbour" (wieder mit Akkordeon), "Creatures Of Little Faith" (endlich ist Frick am Keyboard auch zu hören: Es passt perfekt) und "Over My Head". Beim letztgenannten Stück kommt Forsman auf die Bühne, singt, ist aber nicht zu hören. Zumindest fast nicht. Bei "The Tourist" erhebt sich Davies wieder. Er muss den Song retten. In London vergangenes Jahr klang er zwar nicht schlecht, aber das Oldie-Publikum hatte offensichtliche Probleme mit den Soundexperimenten. So spielt Davies die Titelfigur des Songs nach. Ähnlich wird er später auch den "Stand Up Comic" verkörpern. Anders als bei diesem Titel wirkt die Schauspielerei beim vertrackten, kritischen "The Tourist" fehl am Platze. Genau so fehl am Platze wie die nächste Mitgröhl-Hymne: "Till The End Of The Day". "Go away, old songs!". Pause.

Ray Davies in HamburgAuch die zweite Hälfte bleibt zwiespältig. Davies lässt diesen Abend 29 Jahre seiner Karriere aus (zwei Titel von Muswell Hillibillies von 1971, dann erst wieder Titel, die erstmalig 2000 mit Yo La Tengo in New York gespielt wurden). Er holt noch einen ungewöhnlichen Song aus der Schublade ("This Is Where I Belong" kommt allein mit Gitarre wirklich gut), spielt noch vier neue Lieder und hetzt sich durch den Backkatalog. "Days" in der sattsam bekannten, seit "To The Bone" zu oft durchgenudelten Version (zu erst allein A-capella, dann akustisch und zum Schluss viel zu rockig -- zumindest tanzen auf den Oberrängen jetzt ein paar Fans), "Tired Of Waiting", "Set Me Free" und ein ultraschnelles "All Day And All Of The Night". Während die Fans Spaß haben, scheint Davies nicht so ganz bei der Sache zu sein. Nur das Mitgröhlen und -klatschen, zu dem er weiter heftigst animiert, erfreut ihn. Zeigt es doch, dass ihn die Leute nicht vergessen haben. Das scheint er zu brauchen. Nötig hat er es nicht. "Go away, old songs!"

Dass es mit den neuen Titeln gut klappt, dass alte Titel und auch oft gespielte wie "20th Century Man" gut funktionieren, hat Davies bewiesen. Nicht nur mit der Textanpassung "21st Century Man" war dieser Song aktuell. Vielleicht sogar aktueller als einiges von "Other People's Lives". Den Titelsong des neuen Albums gibt es in Hamburg noch als Livepremiere mit Band. Zuvor hatte er ihn nur mit Johns akustisch gespielt, jetzt beginnt er den Song alleine, liest von den in riesigen Lettern gedruckten, auf die Monitore geklebten Zetteln den Text ab und versucht sich an der Flamenco-Gitarre der Studio-Version. Das geht nicht gut. Anders das später sich entfaltende Arrangement. Das geht gut. Auch wenn es noch sehr gedämpft wirkt -- wie übrigens auch einige andere neue Titel an diesem Abend. Die nach kurzer Zeit einsetzende Bandbegleitung passt gut zum Song. Das wirkt dann zwar wie eine bessere Probe, aber irgendwann muss er ja damit anfangen. Zu "The Getaway (Lonesome Train)" kommt dann wieder Forsman auf die Bühne, ist wieder kaum zu hören und darf nicht einmal bleiben. Davies greift sie sich, flüstert ihr was ins Ohr und drückt sie dann raus. Heute kein "A Long Way From Home"!

Dieser alte Titel hätte dem Abend vielleicht noch gut getan. Schließlich sangen ihn beide an vielen Abenden zuvor sehr schön melancholisch. Es wirkte dann fast wie eine verblassende Erinnerung. Vielleicht geht es Davies mit seiner Zeit bei den Kinks ähnlich. Braucht er das laut gröhlende Publikum, das ihm die Zeit mit den Kinks in irgendeiner Form zurück gibt? Vermutlich ist es logisch, dass er die beiden neuen Titel nicht singt, in denen er diese Gedanken selber aufzunehmen scheint: "Runaway from time" und "Is there a life after Breakfast". "Yes there is", Mr. Davies! Das möchte man ihm zurufen. Jeder hier kennt die Geschichte, kennt die Lieder. Alte Songs schön und gut. Nostalgie in dieser brachialen Form ist unnötig. Dafür ist ein Ray Davies ein viel zu guter Musiker. Einer, der keinen Stuhl braucht, um sich zum respektablen Kümstler zu wandeln. "Go away, old songs!" Ihr könnt gerne wieder kommen, aber nicht so wie seit 25 Jahren immer wieder. Ein frisches "You Really Got Me", das wär's doch. In Hamburg gab es zumindest auch kein altes, abgenudeltes. Aus dem zwiespältigen Abend entlässt Davies seine Fans mit "Lola". Vermutlich das wird immer sein müssen.

Setlist

Ray Davies in Berlin

  1. I'm Not Like Everybody Else
  2. Where Have Alll The Good Times Gone
  3. After The Fall
  4. All She Wrote
  5. 20th Century Man
  6. Oklahoma USA
  7. Village Green
  8. Sunny Afternoon
  9. Dead End Street
  10. Next Door Neighbour
  11. Creatures Of Little Faith
  12. Over My Head
  13. The Tourist
  14. Till The End Of The Day
  15. Pause

  16. This Is Where I Belong
  17. Autumn Almanac
  18. Other People's Lives
  19. Stand Up Comic
  20. Things Are Gonna Change (The Morning After)
  21. Days
  22. The Getaway
  23. Tired Of Waiting
  24. Set Me Free
  25. All Day And All Of The Night
  26. Zugabe

  27. Lola

Links
Rezension im Hamburger Abendblatt
Rezension in der Hamburger Ausgabe der "Welt"

(Seite aktualisiert: 16.5.2006)